Rebenleben

Die "Geierschelle" vom Nieder-Olmer Klosterberg.  Das Jahr aus der Sicht einer Weinrebe

Hallo, darf ich mich vorstellen: Mein Name ist "Geierschelle". Ich bin ein Grauburgunder-Weinstock und somit eine von rund 50.000 Weinreben des Nieder-Olmer Weingutes "Bischofsmühle". Ein Jahr lang werde ich mich im Abstand von zwei Wochen melden und berichten was ich so erlebe. Dazu informiere ich Euch darüber was mein Chef, der Winzermeister Max Zimmermann und seine Frau Anna im Weingut arbeiten. Zuhause bin ich in einem Weinberg auf dem Nieder-Olmer Klosterberg unterhalb der Gutsschänke Horn, genau genommen in der Einzellage "Ober der Geierschell", mit einem herrlichen Blick über das Städtchen Nieder-Olm. Dort wurde ich im April 2014 von meinem Winzer gepflanzt und werde seitdem von ihm und seinen Mitarbeitern bestens betreut. 

01. März 2021

Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang. Dabei empfand ich die vergangene Woche schon als kleinen Vor-Sommer. Zwanzig Grad im Februar, das haben wir hier oben am Klosterberg noch nicht erlebt. Ich gönne Euch Menschen dieses schöne Wetter, als Weinrebe macht mir das jedoch große Sorgen. Ich bin ja noch im Winterschlaf und möchte den auch noch ein paar Wochen genießen. Wenn das Frühjahr ins Land zieht, muss ich ausgeruht sein, denn dann stehen wieder stressige Monate an. Gerade jetzt sammle ich tief unten in der Ernte Kraft für die neue Saison. 

Deshalb hoffe ich, dass ich weiterhin Winterfeuchtigkeit abbekomme. Gerne auch Schnee. Denn unter einer Schneedecke bin ich etwas geschützt und vertrage auch strengen und späten Frost viel besser. Viel Regen hilft auch etwas gegen die Fortpflanzung der unzähligen Feldmäuse, die sich aufgrund der zurückliegenden, warmen Winter um mich herumtummeln und meine feinen Wurzeln anknabbern. Das ist nicht wirklich lustig für mich! Gerade über die feinen Wurzeln nehme ich Nährstoffe und Spurenelemente auf, die ich dringend zu meiner Versorgung brauche. So freue ich mich auch über die vielen Störche, Reiher und Bussarde, die sich in den letzten Jahren wieder in unserer Region angesiedelt haben und die Population der Nager auf natürlichem Weg in Schach halten. 

Maria war heute bei mir im T-Shirt! Und das im Februar! Sie hat meine Fruchtrebe, die seit dem Rebschnitt senkrecht in die Luft zeigte, horizontal an den Drahtrahmen gebogen und dort mit einem kleinen Draht befestigt. Puh, alles gut gegangen. Jetzt fühle ich mich deutlich besser. Habe doch immer etwas Angst, dass die Rute beim Biegen abbricht, das wäre eine Katastrophe für mich. Weil ich ja meine ganze Kraft und Feuchtigkeit in die Wurzeln zurückgezogen habe, ist meine Fruchtrebe nicht dehnbar, sondern starr und neigt beim Biegen zum Abbrechen. Schauriger Gedanke! 

Jetzt schmiegt sich die Rute im Flachbogen an den Draht. Mit einsetzender Vegetation entsteht ein Saftstau und wenn der Austrieb erfolgt, wachsen die neuen Triebe dann geordnet in den Drahtrahmen. Das stabilisiert die Rebe und schützt die Triebe bei Wind vor dem Abbrechen. Zudem sieht das noch super-ordentlich aus, was wiederum den Max sehr freut. Als Alternative dazu gibt es den Rundbogen, bei dem die Rebe eben nicht ganz so stark gebogen wird. Aber das ist eine "Glaubensfrage", die jeder Winzer für sich entscheidet. 

Wenn die Vegetation in einigen Wochen beginnt, merkt ihr Menschen das daran, dass meine Augen "bluten". Das heißt, meine Fruchtrebe wird wieder durchblutet. An den Augen drückt sich dann der ein oder andere Wassertropfen raus. Das ist der Startschuss für die Vegetationsperiode, bevor der eigentliche Austrieb beginnt. 

Eure "Geierschelle" vom Nieder-Olmer Klosterberg 
 
 
 

15. Februar 2021

Nicht mal seinen Winterschlaf kann man als Weinrebe heutzutage ungestört halten. Schon vor Sonnenaufgang habe ich Max mit seinem Traktor, gehört, als er am heutigen "Rosenmontag" den Klosterberg hochgerattert ist. Mit dem Anbauhäcksler hat er die Reben zerkleinert, die er vorletzte Woche abgeschnitten und zwischen die Rebzeilen gelegt hatte. Das macht er immer dann, wenn der Boden steinhart gefroren ist. Dann wird die Muttererde, in der ich meine Wurzeln habe, durch die breiten Traktorreifen nicht unnötig verdichtet. Künftige Niederschläge können dadurch besser in den Boden einsickern. 

Da kam schon etwas Wehmut auf, als die Reben kleingeschreddert wurden. Immerhin habe ich im letzten Sommer Unmengen von Wasser aus dem Boden geholt und in meine Rebenbügel geleitet. Damit habe ich Blätter und Trauben versorgt. Trotz der Hitze im Sommer hatte ich es bis weit in den Herbst hinein geschafft, mich fit und grün zu halten und meine Früchte zu ernähren. Mein Chef der Winzermeister war mächtig stolz auf mich. Das Ergebnis waren viele gesunde und süße Beeren. Das Produkt daraus, der "2020er Grauburgunder" lagert derzeit noch auf der Feinhefe in seinem Keller. Anfang März wird der Wein in Flaschen abgefüllt. 

Unsere Familie, die Grauburgunders, sind derzeit bei Euch Menschen ganz besonders beliebt. Man mag uns, weil die Weine aus unseren Trauben eine moderate Säure und feine Fruchtnoten mitbringen sowie vollmundig und harmonisch daherkommen. In Italien nennt man uns "Pinot Grigio" und in Süddeutschland sagt man "Ruländer" zu uns.   

Zugegeben: Wir sind schon etwas eitel. Unsere Trauben sind kleiner und unsere Produktionsmengen etwas geringer als beispielsweise bei den Müller-Thurgaus oder bei unseren roten Freunden, den Dornfelders. Dafür sind unsere Früchte auch etwas süßer und gehaltvoller sagt Max immer. Der kann mit seinem "Refraktometer" bei der Weinlese die "Öchlegrade" messen, die den Zuckerwert des Traubensaftes angeben. "Spätlese" oder "Auslese" murmelt mein Winzer dann immer zufrieden, wenn die Früchte besonders süss und gesund sind. Von den anderen Weissweinsorten unterscheidet uns übrigens auch die Farbe der Beeren, die nicht grünlich, sondern bräunlich gefärbt sind, so wie auch bei den Gewürztraminer´s. 

Wettermäßig war´s in dieser Woche bei uns recht winterlich. Nach dem vielen Regen in der letzten Woche, wurde es ganz schön frostig mit rund 10 C unter Null. Dazu liegt eine dünne Schneedecke und seit einigen Tagen scheint auch noch die Sonne. So lässt sich der Winter bei uns am Klosterberg gut aushalten. Was wäre das für Euch Menschen für ein herrliches Fastnachts-Wetter geworden, aber Ihr habt ja leider noch immer Probleme mit diesem Covid 19. Auch wir Reben haben Probleme mit Viren, aber davon ein andermal. 

Eure "Geierschelle" vom Nieder-Olmer Klosterberg 

01. Februar 2021

So, heute hat´s mich kalt erwischt. Max, der Winzermeister war hier. Mit seiner Elektro-Rebenschere hat er die meisten meiner Reben abgeschnitten.
 
Ich kam mir vor wie ein Schaf, dem man die Wolle abrasiert. Dabei hat der das ganz clever gemacht. Der hat sich die kräftigste Rebe rausgesucht, die im letzten Sommer gewachsen ist und die im Herbst Trauben getragen hat. Nur aus solchen Frucht-Trieben wachsen nämlich im Frühjahr wieder Triebe, an denen später dann wieder neue Fruchtansätze erscheinen. 
 
Diese einzige Rebe hat er soweit gekürzt, dass gerade mal so acht bis zehn Knospen, mein Winzer sagt "Augen" dazu,  verbleiben. Aus diesen Augen werden im Frühjahr die Fruchtruten austreiben, an dem dann die "Gescheine" -die Vorboten der Trauben-  wachsen werden. 
 
Alle anderen Reben hat der einfach abgeschnitten, aus dem Drahtrahmen entfernt und zwischen die Rebzeilen gelegt. Wenn der alle meine Nachbarn im Weinberg auch beschnitten hat, wird er mit seinem Traktor und einem Anbau-Häcksler das Holz zerkleinern. Würmern und sonstige Tierchen in der Erde sorgen dann dafür, dass daraus wertvoller Humus entsteht. Den liebe ich besonders, weil er mir die Kraft gibt, mich in der Vegetationszeit ausreichend zu ernähren. 
 
So stehe ich jetzt ziemlich nackt in meinem Weinberg. Man sieht nur meinen dicken Rebstock und die einzig verbliebene Rebe, auf die ich jetzt höllisch aufpassen muss. In der letzten Woche war´s nämlich recht windig. Wenn diese Rebe abbricht, dann war´s dass für mich mit der Traubenerzeugung für den Herbst 2021. Dann kann ich im Frühjahr zwar wieder jede Menge Reben und Blätter erzeugen, aber keine Früchte, weil die eben nur auf der Fruchtrebe des letzten Jahres wachsen. Und nur aus den Früchten kann mein Winzer ja seinen Wein keltern. 
 
Sobald es etwas milder wird bei uns am Klosterberg, wird wohl Max`s Mutter Maria mit "dem Biegen" beginnen und die Fruchtrebe an dem Drahtrahmen anbinden. Dann kann so schnell nichts mehr abbrechen. Bis bald. 
 
Eure "Geierschelle" vom Nieder-Olmer Klosterberg

18. Januar 2021

Hallo zusammen, ich hoffe Ihr seid gut in das neue Jahr gekommen? Mir geht es prima, wie Ihr auf dem Bild sehen könnt. Kälte und Wind haben meine Blätter im November letzten Jahres mitgenommen. Sah auch -ehrlich gesagt- nach der Weinlese nicht mehr ganz so gut aus. Viele Blätter waren abgeknickt und braun. So bleibt mir derzeit noch das ausgereifte, braune Holz, welches im Sommer letzten Jahres gewachsen ist. 


Während ihr Menschen den Dezember wegen der Regenfälle nicht so spannend fandet, war ich total begeistert: Endlich mal wieder etwas Feuchtigkeit an den Füssen. Immerhin reichen meine Wurzeln ja einige Meter ins Erdreich, zumindest da wo ich wachse am Nieder-Olmer Klosterberg, einem riesigen Kalksteinriff. Vor einigen Millionen Jahren war hier noch ein Ur-Meer, unzählige kleine Muscheln liegen hier noch überall rum. Zugegeben, augenblicklich brauche ich den Regen eigentlich nicht unbedingt. Ich habe ja mein Wachstum nach dem Herbst eingestellt und bin gerade im Winterschlaf. Erst im April kommt wieder so richtiges Leben in meine Leitungsbahnen. Aber der Boden auf dem ich wachse kann diese Feuchtigkeit super speichern und für mich bis ins Frühjahr aufheben. Der Klimawandel zeigt uns ja, dass die Niederschläge in unserem Rheinhessen immer weniger werden. So kann ich mich ganz gut einteilen und komme besser über die trockenen Monate. 


Anfang der Woche war`s übrigens ganz schön frisch. Sieben Grad unter dem Gefrierpunkt machen mir allerdings nichts aus. So bis -15 C habe ich im Winter gar keine Probleme. Nur vor den Mai-Frösten habe ich panische Angst. Da reichen auch schon mal 2 Grad unter Null und mein bis dahin sichtbares, frisches Grün wird zerstört. Und damit auch die Ernte des Jahres. 


Aber jetzt mache ich mir darüber noch keine Gedanken. Habe ja den ganzen Saft in meine Wurzeln gezogen und meine dürren Reben, denen geht es jetzt eh bald an den Kragen. 


Wenn ich mich so umschaue, beginnen die Winzer so langsam mit dem Rebschnitt. Vermutlich werde ich auch bald dran sein. Aber davon werde ich Euch dann so in zwei Wochen berichten. 


Eure "Geierschelle" vom Nieder-Olmer Klosterberg